Luthermotiv Das OriginalLuthermotiv Das Original
vorheriges Bild Luthermotiv Das Original nächstes Bild

Sprechende Häuser in Osterwieck

In Osterwieck sprechen die Häuser. Nicht verbal – aber wenn sie könnten, hätten sie so einiges zu erzählen. An insgesamt 43 Häusern in der Altstadt Osterwiecks kann man Hausinschriften aus der Zeit des Reformators erleben. Sie beschränken sich aber nicht wie üblich auf Angaben zur Erbauung des Hauses, sondern vermitteln ganz klare Botschaften.

Osterwieck_1

Osterwieck_1.1Osterwieck liegt weit im Westen Sachsen-Anhalts, dicht an der Grenze zu Niedersachsen. Die heute noch knapp 4000 Einwohner große historische Kernstadt der ›Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck‹ wurde erstmals um das Jahr 780 erwähnt, als Karl der Große auf seinen Feldzügen gegen die heidnischen Sachsen zog. Im Jahr 1495 wurde die Stadt von einem Hochwasser der Ilse fast vollständig zerstört und musste danach neu erbaut werden, ab 1530 ist nachweisbar, dass die Bürger dazu Darlehen aus dem Kirchenvermögen aufnahmen. 

Osterwieck_2

Fachwerk spielt in Osterwieck eine große Rolle. Insgesamt 400 Fachwerkhäuser sind geschützte Baudenkmäler aus der Zeit der Spätgotik und Renaissance. Hier sind die sogenannten „Fächerrosetten“ zu sehen. An Osterwiecks „Alter Vogtei“ sind sie in das Jahr 1533 datiert und dürften damit die nach heutigem Stand der Forschung ältesten, erhalten gebliebenen Fächerrosetten sein.

Osterwieck_3

Doch viel interessanter als der Baustil sind die Hausinschriften, die sich an insgesamt 43 Häusern finden lassen. Nachdem dies aus Braunschweig erstmalig 1530 erstmalig überliefert ist, bekannten sich auch die Osterwiecker ab 1533 in lateinischer und deutscher Sprache mit protestantischen Devisen und Bibelzitaten, im besonderen mit Psalmen zum protestantischen Glauben – durchaus eine Frechheit gegenüber ihrem Landesherrn, Kardinal Albrecht, der nicht nur Bischof in Halberstadt sondern auch Erzbischof von Magdeburg und Erzbischof und Kurfürst in Mainz war. Immer wieder findet man „Verbum domini manet in aeternum“ – zu Deutsch: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“– war dies doch die Devise des Schmalkaldischen Bundes der protestantischen Fürsten und Städte! Hier in Osterwieck ist sie 1534 erstmalig an  einem Haus an der Schulzenstraße 9 überliefert. Der nackte Knabe mit seinem Haupt über einem Totenkopf symbolisiert die ›Vergänglichkeit des Irdischen‹ gegenüber der ›Ewigkeit des Gotteswortes‹.

Osterwieck_4

„Wer den Herrn fürchtet, der hat eine starke Festung“ und „›Allein‹ Gottes Wort ewig besteht“ heißt es sogar an der Schützenstraße 2 – das ist „Osterwiecker Reformation“ par excellence! Die Verzierungen am Anfang und am Ende der der Textzitate werden Zauberknoten genannt – sie symbolisieren die Unendlichkeit. 

Osterwieck_5.0

Osterwieck_5.1

Osterwieck_5.2

Hausinschriften sind filigrane Schnitzarbeiten, die entweder positiv oder negativ ins Holz des Fachwerks geschnitzt worden sind. Ursprünglich waren sie nicht farbig hervorgehoben, sondern lebten durch einen Holz schützenden Ölanstrich geschützt lediglich vom Spiel von Licht und Schatten – wie es auf den Holztafeln an der  noch nicht restaurierten „Alten Post“ in der Nicolaistraße 2 gut zu erkennen ist. Wäre hier nicht geschnitzt sondern nur mit Farbe gearbeitet worden, die fast 500 Jahre alten Inschriften könnte man – längst verblichen – nicht mehr erkennen.

Osterwieck_6

Am Haus Sonnenklee 40 ist zu lesen: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen und wird  den Gerechten nicht verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen“ (Ps. 37,25). – „An Gottes Segen ist alles gelegen“(Luthers Überschrift des Psalms 127). Die vielen Inschriften in deutscher Sprache wären ohne die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther nicht möglich gewesen. 

Osterwieck_7

„Das Hohe Haus“ in der Nicolaistraße 30 überragt mit drei Stockwerken die Nachbarhäuser. . Auf ihm steht der Bibelspruch „Die furcht des Herrn macht das hertz fröhlich und gibt freude und wonne ewiglich Sy.“ (Jesus Sirach 1.12) und das landläufige Sprichwort „Thue nichts ohn radt, so gerewt dirs nicht nach der thatt“.

Osterwieck_8.0

Osterwieck_8.1

Osterwieck_8.2

Schon seit vielen Jahren verdankt Osterwieck Liselotte und Dr. Klaus Thiele ungemein viel. Die beiden setzten sich leidenschaftlich für den Erhalt und die Renovierung der Häuser aus der Reformationszeit ein. Ihre Publikationen und Vorträge auf Tagungen und zu Ausstellungen sind mit tiefergehenden Informationen zu Osterwieck und seiner Geschichte in der Reformationszeit wärmsten zu empfehlen. Leider verstarb Dr. Klaus Thiele nur wenige Wochen nachdem wir uns mit ihm treffen konnten in Folge eines Unfalls. Für Osterwieck ist dies ein Riesenverlust. 

In Erinnerung an Dr. Klaus Thiele, dem Osterwieck viel zu verdanken hat.

Osterwieck_9

Mehr Informationen zu den Forschungen der Thieles gibt es unter:

http://www.hausinschriften-thiele-wolfenbuettel.de

Bücher:

  • HARZFORSCHUNG 21: Osterwieck – Frühe Mission und frühprotestantische Bilderwelten (ISBN 3-936872-63-5)
  • HARZFORSCHUNG 26: Osterwieck – die Fachwerkstadt aus dem Reformationsjahrhundert (ISBN: 978-3-86732-075-7)
  • Osterwieck – die Stadt des Fachwerks und der Reformation (ISBN 978-3-00-049328-7)
  • Die frühprotestantische Kirche St. Stephan in Osterwieck (ISBN 978-3-00-051687-0)