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Luther erleben in Halle - Dr. Judith Marquardt

Wir haben uns mit Frau Dr. Judith Marquardt getroffen, um mit ihr über die Rolle der Stadt Halle (Saale), aber auch ihre persönliche Einstellung zur Reformation zu sprechen. Die gebürtige Amerikanerin und promovierte Germanistin ist seit 1. Juli 2013 Kulturdezernentin von Halle (Saale).

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Hallo, Frau Dr. Marquardt, Sie sind Beigeordnete für Kultur und Sport der Stadt Halle (Saale). Wie sehr spielt das Reformationsjubiläum in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Seit 2013 bin ich als Beigeordnete für Kultur und Sport zugleich die Reformationsbeauftragte der Stadt Halle (Saale) und habe in dieser Eigenschaft sehr gern auf unterschiedliche Weise die Aktivitäten rund um das Reformationsjubiläum unterstützt. Es galt, das Anliegen des Reformationsjubiläums zusammen mit den Partnern vor Ort einem breiten Publikum, unter anderem zum „Kirchentag auf dem Weg“ in Halle (Saale) und Lutherstadt Eisleben im Mai 2017, zu vermitteln und das Profil Halles als wichtige Stätte der Reformation zu stärken.

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Wo kann man in Halle (Saale) Luther erleben, und welche Bedeutung hat die Stadt in Bezug auf die Reformationsgeschichte?

Die Reformation, ihre Vorgeschichte und die spätere Entwicklung sind in Halle (Saale) auf besondere Weise präsent. Abgesehen von Martin Luther nenne ich hier nur Luthers großen Gegenspieler Kardinal Albrecht, aber auch Thomas Müntzer, Justus Jonas, Felicitas von Selmenitz und August Hermann Francke. Martin Luther kann man an bekannten Orten in der Stadt erleben, an denen er gewirkt hat. Darüber hinaus gibt es in Halle (Saale) eine Reihe von Einrichtungen, die reformationsgeschichtliche Überlieferungen bewahren. Sie sind im Stadtgebiet zu Fuß gut zu erreichen. Dazu gibt es den handlichen Stadtplan „Auf den Spuren der Reformation“ übrigens auch mit einer englischen Fassung „Tracing the Protestant Reformation“.

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Mit der Marktkirche, der Marienbibliothek, dem Kunstmuseum Moritzburg und dem Dom gibt es viele Lutherorte in Halle (Saale). Was würden Sie Besuchern empfehlen, die in Halle (Saale) auf den Spuren von Martin Luther unterwegs sein möchten?

Den thematischen Stadtplan zu den Orten der Reformation in Halle sprach ich ja schon an. Authentische „Lutherorte“ sind die Marktkirche „Unser Lieben Frauen“, in der Luther mehrfach predigte, und das Haus zum „Goldenen Schlösschen“. In letzterem übernachtete der Reformator während seiner Aufenthalte in Halle (Saale). Justus Jonas wohnte dort, der als erster evangelischer Superintendent der Stadt in die hallesche Kirchengeschichte eingegangen ist. Die Moritzburg Halle hingegen war die Residenz des Kurfürsten, Erzbischofs von Mainz und Magdeburg, des späteren Kardinals Albrecht IV. von Brandenburg. Sie ist der historische Ort, von dem aus Johann Tetzel mit dem Ablasshandel beauftragt wurde. Luther verwahrte sich in einem Brief mit den berühmten 95 Thesen gegen diese Ablassinstruktionen Albrechts und forderte deren Rücknahme. Deshalb ist die Moritzburg für die Reformationsgeschichte sehr bedeutsam. In der Marienbibliothek, der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie im Universitätsarchiv werden wertvolle schriftliche Überlieferungen aus dieser Zeit aufbewahrt. Hierzu gehören die im Kontext und in der Nachfolge der Reformation erschienene umfängliche Literatur und zum Beispiel auch die Medaillen, die an reformationsgeschichtliche Ereignisse erinnern.

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Wie sah der 31. Oktober 2017 in Halle (Saale) aus?

Die Kirchgemeinden feierten 500 Jahre Reformation mit zahlreichen evangelischen und ökumenischen Gottesdiensten. Ein besonderes Ereignis fand bereits am Sonntag, dem 29. Oktober, statt: die Orgel-Wandel-Wander-Tour. Diese kostenfreie Veranstaltung begann mit einem Carillonkonzert auf dem Marktplatz; danach wurde bis in den Abend hinein zu vier aufeinanderfolgenden Orgelkonzerten ins Händel-Haus, in die Moritzkirche, in die Franckeschen Stiftungen und in die Marktkirche „Unser Lieben Frauen“ gewandelt. 

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Haben Sie selbst einen Bezug zum Reformationsjubiläum? Was wünschen Sie sich persönlich?

Als Angehörige der Evangelischen Kirche und als historisch interessierte Germanistin ist mir die große Bedeutung der Reformation für die Entwicklung des gesellschaftlichen und gerade auch des kulturellen Lebens natürlich bekannt. In diesem Jahr gab es aus Anlass des Reformationsjubiläums viele wunderbare Ausstellungen und andere Veranstaltungen. Für mich konzentriert sich die Reformation allerdings nicht nur auf die Person von Martin Luther. So möchte ich betonen, dass die Erforschung von Leben und Werk bedeutender Frauen der Reformationszeit bisweilen zu kurz kommt. Unser Stadtmuseum hat gemeinsam mit den „Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland“ in diesem Jahr mit einer sehr schönen Sonderausstellung auf diese Frauen aufmerksam gemacht. Ich wünsche mir, dass die Impulse aus diesem besonderen Jahr nachhaltig wirken werden, so dass Halle (Saale) auch künftig als Stadt der Reformation wahrgenommen wird und interessierte Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt anzieht.