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Unterrißdorf - "Kalte Stelle"

An der Kreisstraße zwischen Wormsleben und Unterrißdorf befindet sich die „Kalte Stelle“. Der Ort markiert das Ende eines besonders windgeschützten Bereichs einer Tieflandmulde und zugleich den Anfang eines „kalten Korridors“, der sich von hier bis nach Eisleben erstreckt, was an einem deutlichen Temperaturunterschied spürbar ist. Seine Bedeutung verdankt die „Kalte Stelle“ dem Umstand, dass Martin Luther hier im Februar 1546 auf seiner letzten Reise von Wittenberg nach Eisleben einen Herzanfall erlitten haben soll. 1968 vom Unterrißdorfer Pfarrer Frithjof Grohmann entdeckt, erinnern seit 1996 Informationstafeln an dieses Ereignis.

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Am 23. Januar 1546 hatte sich Martin Luther gemeinsam mit seinen drei Söhnen in Wittenberg auf den Weg nach Eisleben gemacht, um seine Landesherren, die Grafen von Mansfeld, in ihren Streitigkeiten auszusöhnen. Die Reise stand unter keinen guten Stern. Luther litt unter einem schlechten Gesundheitszustand. Außerdem machten die winterlichen Wetterverhältnisse die Fahrt im offenen Wagen unangenehm und beschwerlich. Zunächst übernachtete man in Bitterfeld, bevor die Reise am folgenden Tag in Richtung Halle fortgesetzt wurde. Ein Überqueren der Saale war aufgrund von Hochwasser jedoch nicht möglich, weshalb die Reisegesellschaft im Haus des Hallenser Pfarrers und Lutherfreundes Justus Jonas für drei Tage ausharren musste; man tröstete sich mit „gut Torgisch bier und guten Reinischen wein“.

Am 28. Januar konnte die Reise nach Eisleben schließlich fortgesetzt werden. Auf dieser letzten Etappe ergriff Luther, wie er in einem Brief an Melanchthon schrieb, eine „Krankheit“. Er war ein Stück neben dem Wagen gelaufen und dabei so ins Schwitzen geraten, dass sein Hemd durchnässt war. Wieder im Wagen habe die Kälte Herzbeklemmungen, Atemnot und Schmerzen im linken Arm verursacht und ihn schließlich ohnmächtig werden lassen – Symptome für einen Herzanfall. Während Luther in seinem Brief an Melanchthon keine Ortsangabe zu den Geschehnissen macht, den Vorfall eher nüchtern beschreibt und seinem Alter die Schuld an der Krankheit gibt, erscheint der Vorfall, wie ihn Luther in einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 schildert, in einem ganz anderen Licht. Hier spricht er lediglich davon, er sei „ja schwach gewesen auff dem weg hart vor Eisleben“, bzw. in einem Brief vom 7. Februar „Rißdorf, hart vor Eisleben gelegen, wo ich schwach wurde beim Einfahren.“ Die Schuld an seiner Schwäche gab er den in Rißdorf lebenden Juden, die ihn „hart angeblasen“ hätten: „Und wahr ist’s, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten in den Wagen ein auf meinen Kopf durchs Baret, als wollt mir’s das Hirn zu Eis machen.“

Tatsächlich lebten in der Grafschaft Mansfeld zahlreiche Juden, die hier unter dem Schutz der verwitweten Gräfin Dorothea von Mansfeld-Vorderort Zuflucht gefunden hatten, nachdem sie aus dem Erzstift Magdeburg vertrieben worden waren. Die feindselige Haltung gegenüber den Juden, die Luther mit seiner Frau teilte, veranlassten ihn zu dem Vorhaben, die Juden aus Eisleben und der Grafschaft Mansfeld zu vertreiben. Er wollte darin auch Graf Albrecht unterstützen. In einer seiner letzten Predigten in der Eisleber St. Andreaskirche warnte Luther seine Zuhörer vor den Juden, die „grossen Schaden“ anrichten würden. Man müsse sie bekehren, taufen oder vertreiben.

Luther griff hier Motive auf, die er schon 1543 in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ zusammengefasst hatte. Seine radikalen „Ratschläge“ zielten darauf ab, gegenüber den Juden eine „scharfe Barmherzigkeit“ zu üben: man solle ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken, ihre Häuser zerstören, ihnen die Betbüchlein nehmen, ihren Rabbinern das Lehren verbieten, das freie Geleit aufheben, den Wucher verbieten und schließlich die jungen starken Juden mit Flegel, Axt und Spaten zu körperlicher Arbeit zwingen – Formulierungen, die eine fatale Wirkung hatten, denn während der Zeit des Nationalsozialismus wurden sie vielfach als Rechtfertigung für den rassistischen Antisemitismus benutzt.

Quellentexte

Aus einem Brief Martin Luthers aus Eisleben an Philipp Melanchthon vom 1. Februar 1546

Gnade und Friede in dem Herrn! Auch ich sage dir Dank, mein lieber Philippus, daß du für mich betest, und ich bitte dich, daß du auch ferner für mich beten wollest. Du weißt, daß ich alt bin und wie gröblich mir etwas zugutegehalten werden muß, auch in meiner Berufsarbeit. […] Auf der reise ergriff mich eine Ohnmacht und zugleich auch die Krankheit, welche du tremorem ventriculi [Bauchdrücken oder Herzklopfen] zu nennen pflegst. Ich ging nämlich zu Fuße, aber über meine Kräfte, so daß ich schwitzte; hernach, da durch den Schweiß auch das Hemd im Wagen durchgekältet war, verletzte die Kälte meinen Muskel des linken Arms. Daher jene Beklemmungen des Herzens und gleichsam ein Benehmen des Athems; daran ist mein Alter Schuld. Aber jetzt bin ich wieder ganz leidlich wohl, wie lange dies aber anhalten wird, weiß ich nicht, weil dem Alter nichts zu vertrauen ist, da ja auch die Jugend nicht ganz sicher ist.

Quelle: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften, herausgeben von Dr. Johann Georg Walch, 21. Band, 2. Teil. Neue revidierte Stereotypausgabe. St. Louis 1904, S. 3190 f.

Aus einem Brief Martin Luthers aus Eisleben an seine Frau Katharina von Bora vom 1. Februar 1546

Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doctorin, Zülsdorferin, Säumärkterin und was Sie mehr sein kann.

Gnade und Friede in Christo, und meine alte arme Liebe, und, wie ich weiß, unkräftige, zuvor. Liebe Käthe! Ich bin ja schwach gewest auf dem Wege hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn du wärest da gewesen, so hättest du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewest. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viel Juden inne wohnen; vielleicht haben sie mich so hart angeblasen. So sind hie in der Stadt Eisleben jetzt diese Stunde über 50 Juden wohnhaftig. Und wahr ist’s, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten in den Wagen ein auf meinen Kopf durchs Baret, als wollt mir’s das Hirn zu Eis machen. […] Wenn die Hauptsachen geschlichtet wären, so muß ich mich dran legen, die Juden zu vertreiben. Graf Albrecht ist Ihnen feind, und hat sie schon preisgegeben, aber niemand thut ihnen noch nicht. Will’s Gott, ich will auf der Kanzel Graf Albrecht helfen und sie auch preisgeben. Ich trinke Neunburgisch Bier fast des Schmacks, den du von Mansfeld mir etwa hast gelobet. Es gefällt mir wohl, macht mir auch des Morgens wohl drei Stühle in dreien Stunden. […] M. L., dein altes Liebchen

Quelle: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften, herausgeben von Dr. Johann Georg Walch, 21. Band, 2. Teil. Neue revidierte Stereotypausgabe. St. Louis 1904, S. 3191 f.

Literatur

Jochen Birkenmeier: „Wo Luther fror“. Die „kalte Stelle“ und der Tod des Reformators, in: Luther, 84. Jg. (2013), S. 8–14.

Thomas Kaufmann: Luthers Juden. Stuttgart 2014.

Christof Schubart: Die Berichte über Luthers Tod und Begräbnis. Texte und Untersuchungen. Weimar 1917.


Öffnungszeiten


Die „Kalte Stelle“ liegt unweit der Bundesstraße 80, an der Kreisstraße 2316 zwischen den Ortschaften Wormsleben und Unterrißdorf. Sie ist Station des sachsen-anhaltischen „Lutherweges“ und ganzjährig zugänglich.