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Seeburg - Dorfkirche St. Nicolai

Etwas versteckt und unscheinbar, auf einer Anhöhe oberhalb des Dorfes Seeburg gelegen, steht die schlichte, aus Kalkstein erbaute und dem Schutzpatron der Seefahrer und Fischer geweihte Fleckenkirche St. Nicolai. Ihren Ursprung hat dieses im Kern romanische Gotteshaus im 11. Jahrhundert. Die Innenausstattung mit prächtigen Grabmälern und einem aus dem Cranach-Umkreis stammenden Altar datiert jedoch ins 16. und 17. Jahrhundert. Folgt man der lokalen Geschichtsschreibung, so hat Martin Luther hier am 2. Osterfeiertag des Jahres 1525, also am Montag, den 17. April, gepredigt. Wie aber kam es zu dieser Annahme?

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Nach seiner Predigt am Ostersonntag 1525 hatte sich Martin Luther von Wittenberg auf den Weg in seine Geburtstadt gemacht. „Denn ich gehe zu dieser Stunde“, so schrieb der Reformator am 16. April 1525 an den kurfürstlichen Sekretär Georg Spalatin in Lochau, „mit Philippus [Melanchthon] nach Eisleben, wohin wir gerufen sind von dem Grafen Albrecht, um eine christliche Schule einzurichten…“ Die erste Station war Bitterfeld, wo man übernachtete. Dann ging die Reise, vermutlich über Halle, weiter in Richtung Eisleben. Wann Luther dort ankam ist nicht überliefert. Erst für den 21. April ist der nächste Aufenthaltsort belegt, nämlich Stolberg im Harz. Hier predigte Luther in der Stadtkirche St. Martini, er empfing Ehrengeschenke des Rates in Form von Fränkischem Wein und Einbecker Bier und wohnte im Haus seines Freundes, dem gräflichen Rentmeister Wilhelm Reiffenstein. Am 3. Mai war Luther in Weimar, belegt durch einen Brief an Gothaer Reformator Friedrich Myconius; am 4. Mai hielt er sich nachweislich auf Schloss Seeburg auf, der Residenz des Grafen Gebhard VII. von Mansfeld-Mittelort.

Die geringe Zahl an überlieferten schriftliche Quellen für die Zeit zwischen Luthers Abreise in Wittenberg am 16. April und seinem Aufenthalt in Weimar am 3. Mai gab immer wieder Anlass zu Spekulationen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Bauernkrieg, der von Süddeutschland ausgehend, sehr schnell weite Teile Thüringens, des Harzes und der Grafschaft Mansfeld erfasste. Tatsächlich geriet auch Luther während seiner Reise in den Aufstand des „gemeinden Mannes“ und so lag es nahe, auch Seeburg einen Platz in diesen historischen Ereignissen zuzuweisen. Johann Theodor Lingke, der im 18. Jahrhundert als erster versuchte, Luthers Reisen anhand von Briefen zu rekonstruieren, schrieb, die evangelisch gesonnenen Mansfelder Grafen Gebhard VII. und dessen Bruder Albrecht VII. hätten „D. Luther zu Hülfe [gerufen], daß er, durch seine Gegenwart und Predigten, die aufgebrachten Gemüther besänftigen sollte.“ Folgt man Lingke, so war der „selige Lutherum“ nach Seeburg gekommen, „damit die Bergleute by dem damaligen Bauernlerm in etwas zur Raison möchten gebracht werden“ – denn nichts war schlimmer für den florierenden Mansfelder Kupferbergbau als Bergknappen, die sich der Arbeit verweigerten und gemeinsam mit Bauern und Bürgern gegen die Obrigkeit rebellierten. Gelegentlich wurde Luthers Ankunft in Seeburg auch dramatisch ausgeschmückt. So berichtete K. Heine 1897: „Luther hatte in Seeburg einen üblen Empfang und mußte den aufsässigen Bauern weichen, die ihn zu steinigen drohten.“

Dass Luther tatsächlich am 17. April 1525 in der Kirche St. Nicolai gepredigt hat, erscheint nicht nur aufgrund der fehlenden Belege als eher unwahrscheinlich. Auch die Distanz zwischen Bitterfeld und Seeburg spricht dagegen. Zwischen beiden Orten liegen mehr als 50 Kilometer – eine Strecke, die bei der damaligen Reisegeschwindigkeit von 5 bis 6 Kilometer pro Stunde eine Tagesreise bedeutet. Selbst bei einer frühzeitigen Abfahrt in Bitterfeld um 6 Uhr morgens, wäre Seeburg nicht vor dem späten Nachmittag erreichbar gewesen. Sollte Luther nach einer solchen Kraft zehrenden Reise wirklich noch gepredigt haben?

Literatur

Hermann Größler / Adolf Brinkmann: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Mansfelder Seekreises. Halle/Saale 1895, S. 372–375.

K. Heine: Schloß Seeburg und seine Bewohner. Ein Beitrag zur Heimatkunde des Grafschaft Mansfeld, in: Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Heimatkunde 30 (1897), S. 299–330.

Karl Krumhaar: Grafschaft Mansfeld im Reformationszeitalter. Unter besonderer Rücksicht auf die Reformationsgeschichte aus den Quellen dargestellt. Eisleben 1855.

Johann Theodor Lingke: D. Martin Luthers merkwürdige Reisegeschichte, zu Ergänzung seiner Lebensumstände und Erläuterung der Reformationsgeschichte aus bewährten Schriften und zum Theil ungedruckten Nachrichten. Leipzig 1769.


Öffnungszeiten


Die Kirche ist nicht regelmäßig geöffnet. Interessierte Besucher können sich für eine Besichtigung bei Familie Harbart, Solidaritätsstraße 8, 06317 Seegebiet Mansfelder Land, oder bei Pfarrerin Eva Kania, Telefon 034774 / 18 03 17, melden.