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Wernigerode - Kloster Himmelpforte

„Hier wo das Augustinerkloster Himmelpforte stand, hat D. Martin Luther am 6. August 1517 mit D. Staupitz den Ablasshandel besprochen, bevor er am 31. Oktober desselben Jahres die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug.“ So hält es eine Bronzetafel fest, die einen von Graf Christian-Ernst zu Stolberg-Wernigerode gestifteten und anlässlich des 400. Reformationsjubiläums 1917 errichteten Gedenkstein schmückt. Von dem 1253 gegründeten und im Bauernkrieg teilweise zerstörten Kloster haben sich kaum Reste erhalten.

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Der Aufenthalt Martin Luthers in Himmelpforte und sein dortiges Zusammentreffen mit dem Generalvikar des Augustinerordens Johannes von Staupitz ist belegt, denn Luther schrieb von hier aus seinem Freund und Ordensbruder Johannes Lang in Erfurt. Allerdings trägt der in Abschrift erhalten gebliebene und in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrte Brief lediglich die Orts- und Zeitangabe „Ex Porta caeli sexta Augusti“ – aus Himmelpforte am 6. August. Eine Jahreszahl fehlt hingegen. Während ältere Gesamtausgaben von Luthers Briefen, beispielsweise die 1749 von Johann Georg Walch herausgegebene Sammlung, das Jahr 1516 angeben, hat sich, basierend auf der kritischen Weimarer Ausgabe von Luthers Briefwechsel, das Jahr 1517 als Datierung durchgesetzt. Welche Jahreszahl ist die richtige, und: hat Luther tatsächlich mit Staupitz in Himmelpforte den Ablasshandel besprochen?

Am 1. Mai 1515 war der 31jährige Martin Luther auf dem Kapitel der sächsischen Reformkongregation der Augustinereremiten in Gotha zum Distriktvikar gewählt worden. Er erhielt damit die Aufsicht über zehn Klosterkonvente im sächsisch-thüringischen Raum: Dresden, Erfurt, Gotha, Herzberg, Langensalza, Magdeburg, Neustadt an der Orla, Nordhausen, Sangerhausen und Wittenberg. Nach der Gründung des Eisleber St. Annenklosters im Juli 1515 kam ein elfter Konvent hinzu. Zu den Aufgaben Luthers gehörte es, die Klöster zu beaufsichtigen und insbesondere die Einhaltung der Ordensregeln zu überwachen. Dies ließ sich nur durch persönliche Besuche vor Ort bewerkstelligen. Himmelpforte gehörte zwar nicht zu den Klöstern, denen Luther als Distriktvikar vorstand, doch wird ihn der Ruf seines Vorgesetzten Staupitz nach dort geführt haben. In seinem Brief an Johannes Lang erinnerte Luther diesen daran, das zu tun, was Staupitz ihm vor kurzem schon mündlich in Eisleben befohlen hatte, nämlich die Würde eines Lizentiaten der Theologie zu erwerben. Außerdem sandte Luther Augustinermönche zum Studium an die Erfurt Universität.

Die Immatrikulation von Augustinermönchen an der Universität Erfurt lässt anhand der Matrikelbücher nur für das Wintersemester 1516/17 belegen, nicht aber für das Wintersemester 1517/18. Auch das Gespräch, das Staupitz mit Lang in Eisleben über dessen akademische Zukunft führte, fand nicht 1517 statt, sondern 1516, als beide gemeinsam mit Luther am 22. Mai anlässlich der Weihe des St. Annenklosters zusammenkamen und an einer Fronleichnamprozession teilnahmen. Luther war also nicht 1517 in Himmelpforte, sondern ein Jahr früher. Dass er dort mit Staupitz den Ablasshandel besprach, ist eine Legende, die sich mit historischen Quellen nicht belegen lässt!

Quellentexte


Brief von Martin Luther aus dem Kloster Himmelpforte an Johann Lang in Erfurt vom 6. August 1516

Seinem Bruder Johann Lang, Prior der Eremiten St. Augustinus zu Erfurt, Baccalaureus der Theologie, seinem Christo Hochgeliebten.

Jesus

Diese studierenden Brüder, ehrwürdiger Vater, empfiehlt dir der ehrwürdige Vater Vicarius, ja, der Herr Jesus in ihm. Du nimm sie daher auf, und sorge, daß sie nach beiden Seiten hin zunehmen, wie der Herr Jesus sich dessen die versieht. Es ist auch der ausdrückliche und feste Wille des ehrwürdigen Vaters Vicarius, daß du, so bald es geschehen kann und die Zeit es erlaubt, die Würde eines Licentiaten der Theologie empfangest, was ebenderselbe dir auch mündlich in Eisleben befohlen hat, und jetzt schriftlich kundthut aus Himmelpforte, damit du wissest, daß der ehrwürdige Vater nicht Worte, sondern die That begehrt. Gehab dich wohl und bete für mich. Aus Himmelpforte, am 6. August Bruder Martin Luder, Augustiner.

Diese Brüder haben fünf Goldgulden; siehe zu, daß sie dir dieselben aufweisen und wegen der zu kaufenden Gewänder Rechnung abgelegt werde. Und wenn sie etwas mehr vonnöthen haben sollten, lege du es für sie aus, auf Rechnung des ehrwürdigen Vaters Vicarius, der befohlen hat, daß dies in diesem Brief hineingesetzt werde. Denn es wird dir treulich wiedererstattet werden. Gehab dich wohl.

Quelle: Dr. Martin Luthers sämtliche Schriften, hrsg. von Johann Georg Walch, 21. Band, 1. Teil. St. Louis 1903, S. 71; D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Briefwechsel, 1. Band. Weimar 1930, S. 101 f.

Literatur

Theodor von Kolde: Die deutsche Augustiner-Congregation und Johann von Staupitz. Ein Beitrag zur Ordens- und Reformationsgeschichte. Gotha 1879, S. 435 f.

Urkundenbuch der Deutschordens-Commende Langeln und der Klöster Himmelpforten und Waterler in der Grafschaft Wernigerode, bearb. von Eduard Jacobs [Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 15]. Halle 1882, S. 91-224

Wilhelm Ernst Winterhager: Martin Luther und das Amt des Provinzialvikars in der Reformkongregation der deutschen Augustiner-Eremiten, in: Franz J. Felten / Nikolas Jaspert (Hrsg.): Vita Religiosa im Mittelalter. Festschrift für Kaspar Elm zum 70. Geburtstag [Berliner Historischen Studien, Bd. 31]. Berlin 1999, S. 707–738.

Hans Schneider: Zur Herkunft einer Vorlage für Luthers Edition der ‚Theologie Deutsch‘, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 133 (2004), S. 80-93.

Öffnungszeiten

Der Standort des ehemaligen Klosters Himmelpforte ist ganzjährig zugänglich. Parkmöglichkeiten bestehen in Wernigerode "Am Eichberg 1". Von hier aus führt der "Harzer Klosterwanderweg" in nordwestlicher Richtung zum Kloster. Zu Fuß benötigen Sie ca. 20 Minuten.