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Radis - Pabsthaus

Luther war ein Liebhaber guter Biere. Insbesondere Torgauer, Naumburger und Zerbster Biere wusste er zu schätzen. Das Radiser Bier allerdings verschmähte der Reformator – zumindest wenn man einer Mitte des 19. Jahrhunderts erdichteten Legende glaubt, die sich mit dem Radiser „Pabsthaus“ verbindet. 

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Luther-Tomaten, Luther-Quietscheenten, Luther-Räuchermännchen, Luther-Playmobilfiguren, Luther-Socken, Luther-Wurst, Luther-Nudeln, Luther-Backmischungen, Luther-Kräuterlikör.... Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen und sie zeigt, wie die Kommerzialisierung der Luther- und Reformationserinnerung im Jahr 2017 auf die Spitze getrieben wird. Die Vermarktung Luthers ist freilich kein Phänomen der Gegenwart. Sie begann schon zu Lebzeiten des Reformators, etwa mit dem massenhaften Absatz von Luther-Stichen aus der Cranach-Werkstatt. Einen Höhepunkt erreichte sie im 19. Jahrhundert, als Luther zu einem deutschen Nationalhelden aufstieg und industriell produzierte Luther-Büsten als „Zimmerdenkmale“ bürgerliche Wohnstuben schmückten, man andächtig nach der Luther-Schnupftabakdose griff, Tee aus Luther-Porzellantassen trank und Bildpostkarten von Lutherstätten weite Verbreitung fanden.
 
Dass man heute auch mit Luther-Bier um Käufer buhlt, wird daher kaum überraschen, zumal Luther ein ausgesprochener Liebhaber guter Biere war. Insbesondere Torgauer und Naumburger Brauprodukte wusste der Reformator zu schätzen. Der Stadtrat von Zerbst schickte ihm mehrfach ein Fass des damals berühmten Zerbster Bieres, als Dank für die Vermittlung von Pfarrern. Luther und Bier – diese Beziehung barg auch den Stoff für Legendenbildungen. Eine davon verbindet sich mit dem Pabsthaus bei Radis.
 
Das Pabsthaus befindet sich etwa fünf Kilometer nordwestlich von Radis. Versteckt in einem Waldgebiet, das schon Mitte des 18. Jahrhunderts unter dem Namen „Pabst“ bekannt war, kreuzten sich hier einst zwei Landstraßen. Die eine führte in Ost-West-Richtung von Dessau über Oranienbaum nach Radis; die andere in Nord-Süd-Richtung von Wittenberg über Schleesen nach Gräfenhainichen. Unmittelbar an diesem Kreuzungspunkt stand ein Wirtshaus, das Ziel für Ausflüge und Spazierfahren war. In den angrenzenden Wirtschaftsgebäuden betrieb Johann Gottfried Galle eine Teerschwelerei. Er war der Vater des gleichnamigen, 1812 hier geborenen Astronomen Johann Gottfried Galle, der unter anderem den Planeten Neptun entdeckte. 
 
Das ursprüngliche Pabsthaus wurde bereits 1866 wegen Baufälligkeit abgerissen. Erhalten blieb nur das Wohnhaus der Familie Galle, das weiterhin als Wirtshaus sowie als Herberge der Herren von Bodenhausen diente. Die Herren von Bodenhausen waren seit dem 17. Jahrhundert als Lehensträger in Radis ansässig. Ein ferner Nachfahre der Familie, der Dichter und Gutsbesitzer Freiherr Gustav von Bodenhausen, gilt als „Erfinder“ der Radiser Lutherlegende. Er reimte ein Gedicht mit dem Titel „Der Pabst“, das er 1868 in einer zweibändigen Sammlung in Wittenberg veröffentlichte. Das Gedicht beginnt mit der rhetorischen Frage, warum das Forstrevier um Radis „der Pabst“ genannt wird. Bodenhausen antwortet sodann:  
 
Kam vor 300 Jahren
wo nach dem Krieg noch Kirchen waren
auch Luther einst nach Kemberg hin
mit seinem frohen Gottessinn
und hielt dort Predigt vor der Menge
nach seiner Art voll Kraft und Strenge.
 
Von da zog er nach Anhalt zu
und wo’s ihm passte, hielt er Ruh
und Trank, stieß er auf eine Schänke
ein Seidel Bier – sein Leibgetränke.
 
So kam er auch zu uns; im Wald
steht heute noch das Haus, uralt
so Martin Luther, ungelogen
die Taufe an den Forst vollzogen.
 
Das Bier, was sich der fromme Knecht
bestellt, nämlich war sehr schlecht,
drum goss erʼs auf die Treppenstufe
im Zorn und schimpfte mit dem Rufe
im tiefsten Bass, im Forte „f“:
Ich wollt, dass der Papst es söff!“
 
Seitdem, heißt Haus und Forst noch heute:
Das Pabsthaus – und der Pabst , ihr Leute.
 
Ob Luther tatsächlich im Pabsthaus rastete und das dortige Bier verschmähte, sei der Phantasie der Leser überlassen.

Literatur

Gustav von Bodenhausen: Gedichte, 2 Bände. Wittenberg 1868.

Öffnungszeiten

Öffnungszeiten:
 
Das Grundstück, auf dem das ursprüngliche Pabsthaus stand, befindet sich heute in Privatbesitz und ist nicht zugänglich.
 
Kontakt:
 
Dorfgemeinschaftshaus Radis
Radiser Bahnhofstraße 18a
06901 Kemberg / OT Radis
Tel.: 034953 39595   
E-Mail: dgh-ra0vzrwdis@kewTVDmberg.NdepX2r