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Radis – Evangelische Kirche

Radis liegt am Rande der Dübener Heide, etwa 20 Kilometer südöstlich von Wittenberg. Zur Zeit Luthers war der kleine Ort von Wittenberg aus in gut vier Stunden zu erreichen. Bekannt geworden ist Radis vor allem durch die Legende, wonach Luther im hiesigen Pabsthaus gerastet und dabei das schlechte Bier wütend auf die Treppe gegossen haben soll. Der Papst solle es saufen, habe Luther damals geflucht. Die Radiser Kirche gehörte zu jenen Gotteshäusern im Kurfürstentum Sachsen, die 1528 der von Martin Luther angestoßenen Kirchenvisitation unterzogen wurden.

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Radis besitzt eine im Kern romanische Kirche. Das Gotteshaus wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört und danach wieder aufgebaut. Weil der Westturm einsturzgefährdet war, musste er im Mai 1871 gesperrt und abgetragen werden. Deshalb diente bis 2014 ein freistehendes Glockenhaus als Ersatz für die beiden erhaltenen Glocken aus dem 14. und 17. Jahrhundert. Bei der Restaurierung des historischen Glockenstuhles wurden einige der alten Balken durch neue ersetzt. Seit dem 24. September 2014 steht nun ein nach allen Seiten hin offenes Glockenhaus an dessen Stelle. Neben der alten Glocke befindet sich jetzt auch eine neue, die im April 2015 in Lauchhammer gegossen und am 31. Mai 2015 geweiht wurde. Die Glocke aus dem 17. Jahrhundert kann in der Kirche besichtigt werden.

Mit der Radiser Kirche verbindet sich ein für die flächendeckende Einführung der Reformation wichtiges Ereignis der Reformationsgeschichte: die erste, von Kurfürst Johann angeordnete Kirchenvisitation im Kurfürstentum Sachsen. Unter Visitation versteht man den Besuch von kirchlichen Amtsträgern in den ihnen unterstellten Kirchen. Dabei wurden die jeweilige Amtsführung des Pfarrers sowie dessen finanzielles Einkommen, aber auch die Ausstattung der Pfarrhäuser und Küstereien überprüft. Die 1528/29 durchgeführte erste Kirchenvisitation ging auf Anregung Martin Luthers zurück. Er war neben dem Amtmann Hans Metzsch, dem Wittenberger Bürgermeister und Juristen Benedict Pauli und dem Rentmeister Hans von Taubenheim auch Mitglied der ersten Visitationskommission und deshalb aktiv in die Kirchenüberprüfung eingebunden.

Zum Pfarrbereich Radis, der so genannten Parochie, gehörten damals auch die Dörfer Schleesen und Uthausen, die von einem Pfarrer und einem Küster versorgt wurden. Die Parochie Radis war wiederum Teil eines größeren Kirchenbezirkes, der Ephorie Kemberg.

In dem Protokoll der ersten Kirchenvisitation heißt es: „Der pfarrer ist leidlich befunden und doch i[h]m aufgelegt, mit vleis zu studieren. Hat kein offentlich laster in seinem kirchspil, so communiciren die bauern alle ausgenommen drei, darunter einer kein predigt horet.“       

Des Weiteren werden in dem Protokoll die Einkommensverhältnisse des Pfarrers festgehalten. Detailliert wird aufgelistet wie viel er aus Opfergeldern, Zinsen und Pacht einnahm und welche Abgaben die Einwohner zu seiner Versorgung in Form von Naturalien, Vieh und Feuerholz zu leisten hatten. So erhielt der Pfarrer im Jahr unter anderem 120 Brote und 120 Bratwürste; außerdem wurden ihm Gartenflächen für den Anbau von Getreide und Gemüse zur Verfügung gestellt. Insgesamt lebte der damalige Radiser Pfarrer, dessen Name unbekannt ist, aber in sehr bescheidenen Verhältnissen. Er hatte ein Jahreseinkommen von etwas mehr als sieben Gulden. Außer zwei Kühen besaß er nur noch ein paar alte Möbelstücke, weshalb die Visitatoren die Gemeinde in die Pflicht nahmen: „was also an der pfarr mangelhaftig, sol das kirchspiel […] fertigen.“

Ob Martin Luther die Radiser Kirche für die Visitation tatsächlich selbst besucht hat, ist nicht sicher. Bei den in Kursachsen durchgeführten Visitationen handelte es sich um eine so genannte Mittelpunktvisitationen. Die Visitationskommission reiste also nicht in die zu überprüfenden Orte, sondern bestellte die jeweiligen Pfarrer oder Ortsvorsteher nach Wittenberg ein. Das war bei der großen Zahl von 34 Pfarreien mit etwa 100 Dörfern allein im Amt Wittenberg auch gar nicht anders zu bewältigen. Über die kirchlichen Verhältnisse in Radis war der Wittenberger Reformator aber gewiss im Bilde.

Literatur

Pallas, Karl: Die Registraturen der Kirchenvisitationen im ehemals sächsischen Kurkreise. Zweite Abteilung, erster Teil: Die Ephorien Wittenberg, Kemberg und Zahna [Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 41]. Halle (Saale) 1906, S. 279 f.

Öffnungszeiten

Öffnungszeiten:
 
Die Radiser Kirche gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde Gräfenhainichen. Sie kann nach Voranmeldung beim Gemeindekirchenrat besichtigt werden.
 
Kontakt:
 
Gemeindekirchenrat Radis
Bahnhofstraße 8a
06901 Kemberg / OT Radis 
Telefon: 034953 / 39264  
E-Mail: jeMqsu9O14fsfXresoAbunasL5Id@vEEao784Sl.icoc7mlTwED