Logo von Luther war hier

Hassel – Romanische Dorfkirche

Etwas versteckt, abseits der Straße, die vom kleinen Dorf Hassel in Richtung Droyßig führt, steht ein bemerkenswertes Bauwerk aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die schlichte, aus Sandsteinquadern errichtete Kirche ist ein Kleinod romanischer Architektur. Eine Legende berichtet davon, dass Martin Luther im Januar 1542 in dieser Kirche predigt oder eine Gebetsstunde gehalten haben soll. Ein Kreuz auf der Kanzel gilt als Beleg für den Aufenthalt des Reformators.

Erfahren Sie mehr...


Die Kirche in Hassel gehört zu einem in der Region oft anzutreffenden Typus von romanischen Dorfkirchen. Ihr Grundriss gliedert sich in Schiff, eingezogenen Chorraum und halbrunde Apis. Die bauliche Struktur der Kirche hat sich bis heute nahezu unverändert erhalten. Besondere Beachtung verdient das Eingangsportal an der Nordseite des Kirchenschiffes, das aus ihrer Entstehungszeit stammt. Das halbkreisförmige Bogenfeld über der Tür, das so genannte Tympanon, zeigt in der Mitte Jesus am Kreuz auf dem Berg Golgatha, jeweils rechts und links flankiert von dreiblättrigen Lilien und Fruchtzweigen.

Die Kirche diente seit dem späten 16. Jahrhundert als Filiale der Droyßiger Hauptkirche. Hier fanden nur noch Leichenpredigten, aber keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt. Der Dreißigjährige Krieg hatte fatale Folgen für Hassel. „Der Orth ist ganz verarmt in dem weder dauglich Ackerbau noch Viehzucht noch andere Nahrung alda undt ist zu besorgen das die Häuslein vollendts wüste und ybern Haufen fallen werden“, heißt es in einer Quelle aus dem Jahr 1666.

Möglicherweise resultieren die Umbauten, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts am Äußeren und im Inneren der Kirche nachweisbar sind, aus den Zerstörungen. Das ursprünglich dreiteilige Dachwerk wurde nach 1653 durch ein einheitliches Satteldach ersetzt, das nun Kirchenschiff und Chorraum überfängt. Um die gleiche Zeit entstanden auch der Glockenstuhl sowie die hölzerne Empore an der Nordwand im Inneren der Kirche. Von der schlichten Innenausstattung hebt sich besonders der barocke Altaraufsatz ab, der die Jahreszahl 1727 trägt.

Erst auf den zweiten Blick wird man das ungewöhnlich angewinkelte Kruzifix auf der Predigtkanzel in der Südostecke des Kirchenschiffes bemerken. Es gilt als Beleg dafür, dass Martin Luther am 21. Januar 1542 in dieser Kirche gepredigt oder eine Gebetsstunde gehalten hat. Die historischen Hintergründe für diese Annahme finden sich in einem Ereignis, das als „Naumburger Bischofsexperiment“ bekannt geworden ist.

Am 20. Januar 1541 hatte Martin Luther seinen Freund und Weggefährten Nikolaus von Amsdorf auf Veranlassung von Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen im Naumburger Dom zum evangelischen Bischof des Bistums Naumburg-Zeitz ordiniert. Nachdem Amsdorf am Morgen des 21. Januar im Naumburger Rathaus die Huldigung des Rates und der Bürgergemeinde empfangen hatte, brach er gemeinsam mit Luther, Spalatin, Melanchthon und anderen im Pferdewagen nach Zeitz auf. Dort befand sich im 16. Jahrhundert eine Bischofsburg, die Amsdorf als Residenz nutzte.

Der kürzeste Weg von Naumburg nach Zeitz führte – entlang der heutigen Bundesstraße 180 – über die Ortschaften Wethau, Görschen, Stößen, Meineweh, Döschwitz und Kretschau. Für die Strecke von 28 Kilometer benötigte man damals eingedenk der winterlichen Straßenverhältnisse etwa sechs bis sieben Stunden. Die überlieferte Ankunft in Zeitz um 17 Uhr erscheint also durchaus plausibel. Ob die Reisegesellschaft aber tatsächlich diese Route benutzte, weiß man nicht. Allerdings verbindet sich mit dem Ort Stößen eine andere Lutherlegende, die 1937 im Sagenbüchlein des Kreises Weißenfels veröffentlicht wurde (s. Quellentexte). Der älteste schriftliche Beleg für den Aufenthalt Luthers in Hassel ist nur unwesentlich älter. Er stammt aus dem Jahr 1932 und wurde in einer bebilderten Beilage der „Zeitzer Neuesten Nachrichten“ veröffentlicht. Ob Luther also je in Hassel war, wird sich kaum mehr beweisen lassen.

Quellentexte


Luther in Stößen

Stößen zerfiel im Mittelalter in zwei Bezirke, in die Marktgemeinde und in die Berggemeinde. Die Brücke, die über die Nautschke führte, war die Grenze. Nun kam im Januar 1542 auf einer Reise von Naumburg nach Zeitz Dr. Martin Luther einmal in seinem Reisewagen durch die Stadt. Bürgermeister, Ratsherren, Bürgerschaft, Pfarrer und Schulmeister hatten auf dem Markte Aufstellung genommen, um den hohen Gast zu begrüßen. Endlich bog der Wagen auf den Marktplatz ein. Der Schulmeister hatte mit den Kindern den neuen Lutherchoral „Nun freut euch, liebe Christen g’mein“ eingeübt, der jubelnd dem Reformator aus den hellen Kinderkehlen entgegenklang. Martin Luther stieg aus, begrüßte die versammelte Gemeinde und ließ sich vom Pfarrer einiges über die kirchlichen Verhältnisse erzählen. Manche Sorge hat der Pfarrherr da wohl auch dem hohen Herrn vorgetragen, war doch eben wieder ein Streit zwischen der Berg- und Marktgemeinde wegen der Hirten ausgebrochen. Es gab viel seelsorgerische Arbeit, und deshalb wäre es wünschenswert gewesen, daß noch ein zweiter Geistlicher in der Stadt angestellt wurde. So sprach Luther denn zur Gemeinde: „Ich sehe, daß eure Stadt in Ordnung ist. Ihr laßt es an nichts fehlen, es ist ein stattlicher Ort. Sehet, ihr habet zwee Hirten für euer Vieh, so bitte ich euch denn, haltet euch auch zwee Hirten für eure Seelen. Ich will euch noch einen jungen Kaplan hierher schicken, damit es euch an nichts fehle.“ Doch Luthers wohlgemeinter Vorschlag fand wenig Gegenliebe. Der lange Schneider Wiebel rief zuerst: „Das können wir nicht bezahlen!“ und alle stimmten ihm zu. Alle Höflichkeit vor dem hohen Gast war vergessen, man sprach wild durcheinander und sogar ein paar Frauen riefen erregt dazwischen. Ja, selbst der Bürgermeister meinte: „Einen zweiten Hirten für unser Vieh können wir nicht entbehren, aber einen Kaplan gar wohl. Das Geld können wir sparen.“ Da bestieg Dr. Luther wieder seinen Reisewagen, drückte seinen treuen Pfarrer die Hand und sprach: „Nicht müde werden, dort unter der Brücke sitzt der Teufel!“

Quelle: Alfred Nier: Das Sagenbüchlein des Kreises Weißenfels. Halle/Saale 1937.

Literatur

Die Kirche von Hassel, in: Unsre Heimat im Bild. Beilage zu den Zeitzer Neuesten Nachrichten und Nebenausgaben, Nr. 4 (April) 1932, S. 9 f.

Roßdeutscher, Christoph: Die Kirche von Hassel, in: Droyßiger Hefte, Nr. 15, Jg. 7, Dezember 2000, S. 3-7.

Bettge, Mark: Bauforschung an drei romanischen Dorfkirchen im Raum Zeitz, in: Historische Bauforschung in Sachsen-Anhalt 6 (2007), S. 211-227.

Sobeck, Christian: Archivalische und kunsthistorische Untersuchungen zur romanischen Dorfkirche von Hassel [unveröffentlichtes Manuskript]. Leipzig 2002.

Öffnungszeiten


Die Dorfkirche in Hassel gehört zum Pfarrbereich Droyßig der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland – Region Südliches Zeitz. In der Kirche finden vier Mal im Jahr Gottesdienste statt. Eine Besichtigung ist auch außerhalb der Gottesdienste möglich. Bitte wenden Sie sich dazu an Familie Kuhnert, Hassel Nr. 13, Telefon: 034425 / 21316 oder an Frau Stöhr, Hassel Nr. 14, Telefon: 034425 / 21212.